Warum die Gorch Fock doch noch nicht versenkt werden könnte – RP

Für Strack-Zimmermann stellt sich unter diesem Eindruck die Frage „Verschrotten oder Neubau?“ gar nicht mehr. „Wenn wir die ,Gorch Fock’ jetzt weiterbauen, erhalten wir zu 85 bis 90 Prozent ein neues Schiff“, berichtet sie nach dem Besuch. „Erledigt“ habe sich damit die Suche nach einer Alternative. Die wäre nach günstigen Schätzungen für vielleicht 100 Millionen Euro machbar.

Das Segelschulschiff „Gorch Fock“ war so gut wie versenkt, als die Reparaturkosten von zehn auf 135 Millionen explodierten. Doch auf der Werft macht die Politik nun eine Entdeckung.

Eigentlich ist unter der Plane nur eine einzige große Baustelle. Eine ruhende dazu. Wie bei einem weitgehend entkernten Altbau, dessen Bauherrn der Mut verlassen hat. Oder die Ideen. Aber als sich die Düsseldorfer FDP-Verteidigungsexpertin Marie-Agnes Strack-Zimmermann an diesem Montagvormittag durch das unter der Plane liegende Innere führen lässt, sieht sie doch, dass es immer noch nach einem großen Schiff aussieht. Und vor allem spürt sie eines: Emotionen.

GFSTZ.

Selbst eingefleischte Landeier konnten bei den Bildern von dem edlen Dreimaster „Gorch Fock“, der durch tobende See seinen Weg über die Weltmeere nahm, schnell nachvollziehen, was die Sonderstellung dieses Segelschulschiffes ausmachte. Marine-Offiziere, die auch ohne Hightech navigieren lernen, Offizieranwärter, die in der Takelage hautnah die Bedeutung von Kameradschaft, von Aufeinander-angewiesen-Sein und Sich-aufeinander-verlassen-Können am eigenen Leib erfuhren. Freilich führten Fehler und Pannen im Dienst 2008 und 2010 zum Tod von zwei Offizieranwärterinnen. Und als auch noch Gerüchte von einer „Meuterei“ und entwürdigenden Ritualen die Runde machten, kam das Schiff auch politisch in schwere See.

Die Gerüchte wurden deutlich relativiert, die Todesfälle blieben und führten zu einer Überarbeitung von Aufstieg und Ausbildung. Nach einer zehn Millionen teuren Überholung schien das Schiff aber ab 2012 wieder fit für viele neue Fahrten rund um den Globus zu sein. Im August vergangenen Jahres wollte die Marine den 60. Jahrestag des Stapellaufs feiern. Da lag das Schiff schon wieder im Dock. Nur ein paar Reparaturen sollten Anfang 2016 hinzu kommen. Daraus wurden erneut Kostenschätzungen von zehn Millionen Euro. Ein Jahr später waren daraus 70 Millionen geworden, weil Arbeiten in den vergangenen Jahrzehnten wenig überzeugend ausgeführt worden sein sollen und größere Schäden erst bei näherer Untersuchung gefunden worden seien. Lochfraß, faulendes Holz, verzogener Stahl. Als im vergangenen Jahr – auch nach zahlreichen Sonderwünschen aus dem Ministerium – die „Reparatur“ plötzlich 135 Millionen Euro kosten sollte und obendrein die Staatsanwaltschaft Ermittlungen wegen Korruption zwischen einem Marine-Mitarbeiter und der Werft aufnahm, stoppte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) den Geldfluss.

69,5 Millionen waren bis dahin bereits in den Erhalt der alten „Gorch Fock“ investiert worden, und die Verteidigungspolitik begann mit Kosten-Spekulationen: Ist es günstiger, das Schiff zu verschrotten und ein neues zu bauen? Die Kostenschätzung von 170 Millionen Euro für einen Neubau wird inzwischen angezweifelt. Andere Marinen hätten neue Segelschulschiffe für viel weniger bekommen.

Der letzte Stand im Verteidigungsausschuss entsprach der Ahnung der Ministerin. „Ich mache mir große Sorgen um die ,Gorch Fock’“, sagte die Ministerin kurz vor Weihnachten unserer Redaktion. So bereitet eine Regierung gewöhnlich behutsam die Liebhaber eines bedrohten Projektes auf dessen Ende vor. Hinweise machten die Runde, unter der Plane auf der Bremerhavener Werft sehe es verheerend aus. Es sei alles noch viel schlimmer als vermutet. Sprich: nichts mehr zu retten.

Doch Strack-Zimmermann trifft auf eine ganz andere Stimmung. Nach ihrem Eindruck will Kommandeur Nils Brandt lieber morgen als übermorgen wieder in See stechen. Stolz zeigt er der Abgeordneten, dass auch die Diesel schon wieder instandgesetzt sind, und wenn es wieder losgehe, noch im April die alte „Gorch Fock“ zu Wasser gelassen werden könne, um die längst fertigen neuen Masten einzubauen. Danach würden alle anderen Arbeiten folgen können, für die bereits 2500 Verträge mit zahlreichen Firmen unter Dach und Fach seien. Von den Segeln über die Nieten bis zu den Planken.

Für Strack-Zimmermann stellt sich unter diesem Eindruck die Frage „Verschrotten oder Neubau?“ gar nicht mehr. „Wenn wir die ,Gorch Fock’ jetzt weiterbauen, erhalten wir zu 85 bis 90 Prozent ein neues Schiff“, berichtet sie nach dem Besuch. „Erledigt“ habe sich damit die Suche nach einer Alternative. Die wäre nach günstigen Schätzungen für vielleicht 100 Millionen Euro machbar. Die neue Rechnung lässt die „Gorch Fock“ trotz ihres aktuell bedauernswerten Zustandes wieder glänzend dastehen. Noch 65 Millionen, dann ist sie wieder die Alte. Und zugleich fast neu.

Die FDP-Abgeordnete will das jedoch nur unter einer Bedingung befürworten: „Die Gesamtkosten müssen auf 135 Millionen gedeckelt werden, damit die Werft ganz genau weiß, wann Schluss ist“, sagt Strack-Zimmermann. Sie steht unter dem Eindruck der Baustellenbesichtigung und sagt: „Mit Fantasie kann man sich schon vorstellen, wie es wieder werden kann.“ Dann verbessert sie sich: „Mit viel Fantasie.“