Heine-Preis in Düsseldorf für A. L. Kennedy – RP

Marie-Agnes Strack-Zimmermann, FDP-Fraktionsvorsitzende im Stadtrat sowie stellvertretende Bundesvorsitzende der FDP: „Sie hat den Finger in die Wunde unserer kulturpolitischen Debatte gelegt und gezeigt, wie wichtig es ist, ein Freigeist zu sein und sich künstlerisch betätigen zu können; und das dies nicht untergraben werden darf.“

Düsseldorf. Die Rede der neuen Heine-Preisträgerin A. L. Kennedy hat auch die kulturpolitische Debatte in Düsseldorf neu belebt. Viele ihrer Worte über den gesellschaftlichen Wert von Kunst und Kultur scheinen bedenkenswert. Von Lothar Schröder

Die Häppchen fanden beim Empfang im Rathaus zunächst wenig Anklang, weil die Zuhörer noch immer mit dem Festakt und der fulminanten Rede von Heine-Preisträgerin A. L. Kennedy beschäftigt waren. Dass ihre Worte über den Wert und das Schützenswerte von Kultur dem Oberbürgermeister in den Ohren hätten klingeln müssen, meinten einige. Die bedenklichen Worte Kennedys wurden vielfach auch als eine Mahnung für die Landeshauptstadt gesehen. Und manches davon könnte sich auch Düsseldorf zu eigen machen, so Claus Gielisch, jordanischer Honorarkonsul.

Ähnlich sieht das SPD-Ratsherr Philipp Tacer, Mitglied des Kulturausschusses. Kennedy sei die richtige Preisträgerin zur richtigen Zeit, um über den Wert von Kultur nachzudenken. Der Debatte der Stadt habe sie neue Impulse gegeben, auch wenn sich Vieles ihrer Rede natürlich auf englische Verhältnisse bezieht. Sie sei ein Vorbild dafür, wie Kulturschaffende zu gesamtpolitischen Fragen Haltung einnehmen können. Und Marie-Agnes Strack-Zimmermann, FDP-Fraktionsvorsitzende im Stadtrat sowie stellvertretende Bundesvorsitzende der FDP: „Sie hat den Finger in die Wunde unserer kulturpolitischen Debatte gelegt und gezeigt, wie wichtig es ist, ein Freigeist zu sein und sich künstlerisch betätigen zu können; und das dies nicht untergraben werden darf.“

Was die britische Autorin A. L. Kennedy (51) im Einzelnen sagte:

Über Menschlichkeit „Zwischen dem Mangel an Kultur und dem Mangel an Menschlichkeit besteht eine Verbindung. Sie wissen es, ich weiß es, wir haben es immer schon gewusst, aber wir haben dem vorherrschenden Diskurs gestattet, es zu vergessen.“

Zur Demokratie

„Ohne die Fantasie ist Hoffnung eine Form des Wahns. Kunst ist das Herz der Demokratie.“

Die eigene Rolle

„Nun spreche ich für mich selbst – ich bin 51 Jahre alt und habe als Schriftstellerin versagt. Seit ungefähr 35 Jahren habe ich geschrieben, und ich habe die Arbeit, den Prozess geliebt, und ich habe meinen Lebensunterhalt damit verdient – ich bin dafür bezahlt worden, laut zu träumen, ich hätte mir kein besseres Leben vorstellen können (…) Aber ich habe nicht genug getan. Ich habe nicht genug Menschen erzählt, wie wertvoll das ist, ich habe nicht genug um den Raum gekämpft, in dem das möglich ist. Wie vielleicht sehr viele von uns in komfortablen, stabilen Demokratien habe ich vergessen, dass der Preis der Freiheit ständige Wachsamkeit ist, und ich habe träges Schweigen und Feigheit für wahrhaft liebevolle Toleranz gehalten.“

Zum Wert der Kultur

„Es kann nicht sein, dass nur Autos und Elektrogeräte uns zu besseren Menschen machen. Es muss so sein, dass unsere Theaterstücke, unsere Romane, Lieder, Fotografien, Gemälde, Zeichnungen, Gedichte, Ballette, Opern und alle anderen Kunstwerke außergewöhnlich, vielfältig, unerwartet und lebendig sind. Wenn wir kein Geld haben, dann haben wir eben kein Geld – Kunst kann billig sein, ohne dass sie deshalb schlecht, giftig, hasserfüllt sein muss. Das ist eine notwendige und wichtige Wahrheit.“

Lautstarkes Träumen

„Unsere Kultur schafft die Realität, in der wir leben. Als Künstlerinnen, als Autorinnen werden wir dafür bezahlt, diesen Traum am Leben zu halten, und das ist sehr schön für uns. Als Menschen jedoch, und das ist viel wichtiger, haben wir die Pflicht, diese heimlichen Worte nie zu vergessen, die wir im Dunkeln hören, und einander vor dem Schlimmsten zu bewahren, was wir sein können, vor der schlimmsten Welt, die wir schaffen können – und es besser zu machen. Und das können wir lieben, und wir können es lautstark lieben.“

Die Werte schützen

„Aber wie Sie wissen, kann es bei Kunst und Kultur heute nicht mehr bloß darum gehen, ein paar fröhliche Presseerklärungen herauszugeben und sich bei einer angenehmen Veranstaltung unter Gleichgesinnten gegenseitig zu gratulieren, dass wir alle um die wichtigen Werte wissen. Uns allen ist bewusst, dass die Werte, die uns schützen, uns die bestmöglichen Chancen versprechen, unser menschliches Potenzial zu erfüllen und das Menschliche in anderen zu sehen und wertzuschätzen – dass diese Werte derzeit vergessen, verlacht oder still und leise verscharrt werden.“

Bedeutung künstlerischer Bildung

„Die Ausübung der Künste und der Kontakt mit ihnen ist unser lebenslanges Bildungsprogramm – hier und jetzt: das bereitet uns darauf vor, klug zu wählen. Sie trainiert und stärkt unsere Fantasie, die Kraft, die uns befähigt, uns jede Form von Veränderung und die Konsequenzen unseres Handelns vorzustellen, mit anderen zu fühlen.“